Absicherung oder Abzocke - wie gerecht ist der Generationenvertrag?
Samstag, 09. Februar 2008
11 hst, Bubenreuther Haus Erlangen
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Barbara Stamm, Vizepräsidentin des Bayerischen Landtags | ![]() |
Dr. Stefan Heuser, Lehrstuhl für Ethik an der Uni Erlangen |
Bericht
„Absicherung
oder Abzocke“ lautete das Thema des 24. Bubenreuther Colloquiums am Samstag
auf dem Haus der Burschenschaft. Die Bubenreuther konnten im voll besetzten Saal
mit der Vizepräsidentin des Bayerischen Landtags, Frau Barbara Stamm, und dem
Sozialethiker der Universität Erlangen, Dr. Stefan Heuser, hochkarätige
Vertreter aus dem sozialpolitischen Bereich begrüßen.
Dr. Karl-Heinz Neukamm,
Vorsitzender des Bubenreuther Philistervereins, bemängelte in seinen
einleitenden Worten, dass der Vertrag zwischen den Generationen zunehmend auf
die finanzielle Komponente reduziert werde und verwies auf das
alttestamentarische Generationengebot. Wolfgang Hacker, Leiter des Colloquiums,
fügte hinzu: „In der jungen Generation macht sich zunehmend Unmut breit, wenn
sie heute für Sozialleistungen zahlen muss, die sie morgen selbst niemals
bekommen wird.“
Einig waren sich Referenten wie
Zuhörer, dass es eine Patentlösung für die Probleme des Generationenvertrags
nicht gibt. „Der Vertrag zwischen den Generationen, wie er jetzt ist, hat
keine Zukunft.“ folgerte schließlich
Barbara Stamm, früher Sozialstaatsministerin. Dies sei aber keine neue
Erkenntnis. Bereits bei der Einführung in den 50ern sei klar gewesen, dass
dieses Umlagensystem in den Sozialversicherungen auf Dauer nicht finanzierbar
sei. Man habe aber den wissenschaftlichen Fortschritt unterschätzt, durch den
ein rapider Geburtenrückgang ab Anfang der 70er zu verzeichnen sei. Dadurch kam
es zu einem immer ungerechter werdenden Lastenverteilung zwischen der jüngeren
und älteren Generation. Außerdem dürfe nicht vergessen werden, „welche
Leistung die Versichertengemeinschaft erbracht hat, als sie nach der Wende die
neuen Mitbürger aus den neuen Bundesländer in ihre Sozialsysteme übernahm.“
Stamm, die trotz leichter Grippe
engagiert bei der Sache war, plädierte für eine Erneuerung des
Generationenvertrags, der weit über die Alterssicherung hinausgehe. Es müsse
aber jedem klar sein, dass, wer auch mit 70 noch eine vollumfängliche
Krankenversorgung nach neuestem Stand der Forschung wolle, dies nur erreiche,
wenn mehr Geld in das System gepumpt werde. Hierzu gebe es zu einer
Steuerfinanzierung fast keine Alternative. Außerdem müsse das strenge
Umlagesystem zu Gunsten einer Teilkapitalisierung im Sinne einer privaten
Vorsorge abgeändert werden. Stamm nahm dabei besonders die kinderlosen Paaren
in die Pflicht. Es könne verlangt werden, dass sie mehr Geld für das
Solidarsystem zahlen. Familien seien dagegen noch viel mehr materiell und durch
einen weiteren Ausbau der Kinderbetreuung zu unterstützen. „Nur Bildung,
Bildung und nochmals Bildung kann verhindern, dass das Loch in den Sozialkassen
immer größer werde.“ Fast wichtiger als der finanzielle Beitrag sei aber der
Dialog zwischen den Generationen. „Es kann nur funktionieren, wenn der
Generationenvertrag nicht nur ein Nehmen, sondern auch ein Geben für alle
bedeutet.“ so Stamm. Das beziehe sich aber nicht allein auf die Arbeitnehmer.
Die großen Industrieunternehmen dürften sich nicht aus ihrer Verantwortung
für den Generationenvertrag stehlen und Menschen ab 50 als zu alt abstempeln.
Auch Dr. Stefan Heuser forderte
eine Weiterentwicklung des Generationenvertrags. Hier sei jedoch die Politik
gefordert. Die „Metapher“ des Vertrags decke bislang nicht vollständig ab,
was ethisch für eine funktionierende Gesellschaft notwendig sei. „Durch die
demographischen Veränderungen ist es zu einer Asymmetrie zwischen den
Generationen gekommen, die ein stärkeres Miteinander verlange.“ Sonst fielen
die sozial Schwachen ganz aus dem System. Außerdem wies Heuser darauf hin, dass
es nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb einer Generation gerecht zugehen müsse.
„Die Armen von heute, sind die Armen von morgen.“ Nur wenn dieser Ausgleich
durch einen Dialog gelinge, könne der Generationenvertrag Zukunft haben.
Nach fast 3 Stunden endete die
Veranstaltung traditionell mit einem gemeinsamen Mittagessen, an dem an vielen
Tischen die Diskussion unter Referenten und Zuhörern lebhaft fortgesetzt wurde.
Es sei eben, so Wolfgang Hacker, Moderator der Diskussionsveranstaltung, ein
Thema, das bewegt.
Bericht in den Erlanger Nachrichten vom 11.02.2008 (externer Link)
Ankündigung
In
nahezu jeder Diskussion, ob über das Renten- oder Krankenkassensystem bzw. die
Pflege- oder Arbeitslosenversicherung, wird über die Kündigung des
Generationenvertrags sinniert. Meist sehen sich hierzu die jüngeren Diskutanten
verleitet, wenn ihnen bewusst wird, welche enormen Probleme und Lasten auf sie
und ihre Generation zukommen.
Zustand
und Perspektiven des Generationenvertrages sind Mittelpunkt einer intensiven,
hochemotionalisierten Debatte. Deren Hintergrund ist ein wachsendes Unbehagen
gerade der Jüngeren über die ökonomischen, sozialen und ökologischen
Rahmenbedingungen, die ihnen die ältere Generation eines Tages als Erbe
hinterlassen wird. Sorgen, die auch vielen Vertretern dieser älteren Generation
gut verständlich sind. Schließlich leugnet niemand ernsthaft, dass schon heute
die Grundfesten der Gesellschaft massiv erschüttert sind. Krisen und Reformen
werden fast ausschließlich auf dem Rücken der heute jungen oder der zukünftigen
Generationen ausgetragen.
Rente
ab 67 oder die immer häufigeren Beitragserhöhungen der Sozial- und
Krankenversicherungen. Eine Vielzahl von Leistungen, für die die Generation der
Erwerbstätigen heute zahlt, wird sie selbst niemals in Anspruch nehmen können.
Alt-Bundespräsident Roman Herzog soll einmal beim Anblick spielender Kinder
gesagt haben: "Ich frage mich, ob diese Kinder genauso glücklich wären,
wenn sie wüssten, was auf sie zukommt und was sie alles für uns einmal
bezahlen müssen".
Aber:
Kann bei der Diskussion über den Generationenvertrag tatsächlich ausschließlich
der finanzielle Aspekt entscheidend sein? Was noch - außer Geld - kann den
Generationen der Vertrag bedeuten?
Das
24.Colloquium der Burschenschaft der Bubenreuther greift diese Problematik auf
und fragt nach Zukunftsperspektiven des Generationenvertrag.
Hierzu
freuen wir uns, dass wir hochkarätige Referenten gewinnen konnten: Barbara
Stamm, CSU, Vizepräsidentin des Bayerischen Landtags und Dr. Stefan Heuser,
Lehrstuhl für Ethik an der Universität Erlangen.
Einladungsflyer: Vorderseite Rückseite
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