Vom „Roten Kartell“ zum „Roten Verband“ (RV)

Aus: Ernst Höhne, Die Bubenreuther – Geschichte einer deutschen Burschenschaft, Erlangen 1936

Arminia Jena: Die Beziehungen zwischen Erlangen und der Arminia Jena, der „Urburschenschaft“, waren in den Gründungsjahren der Burschenschaft [1815/17] besonders eng gewesen. Die Zahl der Burschen, die in den ersten Jahrzehnten übers Fichtelgebirge hinauf- und herunterwanderten und für den Gedankenaustausch sorgten, war außerordentlich groß. Oft genug hatte man sich unterwegs getroffen. Erlangen und Jena waren in den burschenschaftlichen Auffassungen am allerengsten verwandt und die Entwicklung der beiden Burschenschaften verlief bis in die dreißiger Jahre überraschend gleichartig. Auch in den vierziger Jahren hören wir noch von einem engeren Bündnis, und besonders Hans von Raumer legte Wert darauf, die Fäden, die zur Gründungsburschenschaft liefen, nicht abreißen zu lassen.

Scharfe Trennung: Der Vormärz und die darauf folgenden Revolutionsjahre brachten eine scharfe Trennung. Schon auf der Kyffhäusertagung stand die Arminia auf seiten der burschenschaftlichen Linken und bald wurde der Burgkeller wegen seiner radikalen Einstellung die führende Progreßburschenschaft. Damit war das freundschaftliche Band zerrissen. Als die Bubenreuther Ende der fünfziger Jahre an den Neuaufbau einer deutschen Burschenschaft gingen, dachten sie gar nicht daran, die Arminen in den Kreis der alten Burschenschaft mithereinzuziehen.

Rotes Kartell: Erst die persönlichen Beziehungen mit den Jenaer Auswärtigen zeigten den Bubenreuthern, daß der Burgkeller den progressistischen Kurs wieder vollkommen aufgegeben hatte und in die Bahnen einer alten Burschenschaft zurückgekehrt war. Jetzt war er auch für die Bubenreuther wieder bündnisfähig. Besonders der Bubenreuther Erich Langheld, damals schon Jungphilister, pflegte die beiderseitige Freundschaft. Man tauschte die Verfassungen aus und fand, daß in den Grundfragen völlige Übereinstimmung herrschte. Anfang 1862 trat Langheld mit seinem Plan vor das Bubenreuther Ehrengericht und erreichte dort den einstimmigen Beschluß, den Bund mit Jena zu versuchen. Am 1.2.1862 wurde das Kartell mit Jena gegründet, das nach der Farbe der Mützen den Namen Rotes Kartell bekam. Es wurde der Vorläufer des Roten Verbandes.

Alemannia Bonn: Die Bonner Alemannen traten als die dritte Burschenschaft diesem Kreis bei. Schon 1863 suchten die Bubenreuther die Bonner Freunde zu gewinnen; das Philisterehrengericht hatte sich während der Jubiläumsfeier eingehend mit der Frage auseinandergesetzt. Man beschloß, auf geringe Abweichungen vom alten Bubenreuther Programm nicht mehr den Nachdruck zu legen wie früher. (...) Am 4.2.1864 trafen sich Arminen, Alemannen und Bubenreuther auf einem gemeinsamen Burschentag in Erlangen und schlossen das dreifache Kartell. (...) Ende 1864 übernahm die Alemannia auch die Auslegung des Vaterlandsprinzips, die eine gründliche Beschäftigung mit den politischen Zuständen der Zeit forderte, wörtlich aus dem Bubenreuther Brauch. Jetzt stimmten die Auffassungen der beiden Burschenschaften fast völlig überein. Dabei war freilich wichtiger als die Übernahme des Wortlautes die Übereinstimmung der Gesinnung, die in beiden Burschenschaften vorherrschte.

Zerfall: Es ist kein Zufall, daß das Kartell im Jahre der Schleswig-Holsteinischen Bewegung geschlossen wurde, es sollte für das brüderliche Zusammenstehen der Stämme sinnbildlich sein. Ebenso begreiflich ist es, daß der Zerfall des Kartells im Jahre des deutschen Bruderkrieges erfolgte. Der Anlaß war allerdings nur ein belangloser Zwist, der die Bonner bewog, auszutreten. Aber die Gegensätze lagen tiefer; eine streng preußische Richtung hatte in Bonn wieder an Boden gewonnen und die Haltung der Alemannia in den gesamtdeutschen Fragen wesentlich beeinflußt.

Um so fester hielt die Freundschaft mit Jena. Sie war von Anfang an besonders stark auf persönliche Beziehungen der einzelnen Mitglieder aufgebaut und lockerte sich erst, als diese persönlichen Beziehungen aufhörten. Als in Jena das norddeutsche Element ungewöhnlich zunahm und vor allem durch eine Reihe von Ostpreußen bestimmt wurde, litt das Verständnis für die ausgeprägt süddeutsche Art der Bubenreuther. 1880 wurde das Kartell gelöst, nachdem es 20 Jahre bestanden hatte.

Arminia Marburg, Brunsviga Göttingen: Im Herbst 1890 versuchten die Bubenreuther einen neuen Anlauf. Es war ihnen vor allem darum zu tun, ihre alten Freunde, mit denen sie sich am engsten verbunden fühlten, die Bonner Alemannen und die Jenaer Arminen, zu einem Bündnis zu gewinnen. Arminia-Marburg und Brunsviga Göttingen sollten mithereingezogen werden. Zu den Marburgern hatte vor allem der Armine Hermann Schmeck die Beziehungen hergestellt, der seit 1886 Verkehrsgast in Erlangen war und schon damals wie ein Bubenreuther galt; andererseits hatten die Bubenreuther Ernst Hasenbalg und Hermann Steengrafe enge Freundschaft mit den Brunsvigen geschlossen; beide hatten die Brunsviga 1886 nach deren Suspension wieder mitaufrichten helfen.

Roter Verband: Die Satzungen, die von den Bubenreuthern ihrem Gründungsvorschlag beigelegt worden waren, zeigten größte Vorsicht. Der Zusammenschluß hatte danach nur eine Aufgabe: auf den Burschentagen [der Deutschen Burschenschaft, DB] sollten alle zu verhandelnden Fragen vor den eigentlichen Sitzungen von den fünf Burschenschaften durchberaten werden, damit man in den Sitzungen selbst einheitlich vorgehen konnte. Am 1.12.1890 wurde der Abschluß des Bündnisses vollzogen. Man wählte auch dafür zunächst den Namen „Verband alter Burschenschaften“ und erinnerte damit an die Ziele, die man ursprünglich verfolgt hatte. Erst 1897 nannte man die Vereinigung — ähnlich wie früher — „Roter Verband“ (...). Schon auf den ersten Burschentagen der neunziger Jahre bewährte sich der Rote Verband und erwies sich den anderen bald als eine starke Gruppe, die in der Deutschen Burschenschaft immer aufs neue an die vaterländischen und sittlichen Aufgaben mahnte. (...)

Die Pflüger zu Halle: Im Roten Verband selbst gab es manchen Kampf auszufechten; die einzelnen Burschenschaften sagten sich oft schroff die Wahrheit, und das hat im allgemeinen keiner geschadet. Nur die Marburger Arminen sind schon 1897 wieder ausgeschieden. Dafür trat 1906 der Pflug in Halle dem Roten Verband bei. Er hatte einst dem Süddeutschen Kartell angehört und sich dort losgelöst, als das Süddeutsche Kartell das Keuschheitsprinzip fallen ließ. Die ersten Beziehungen zu den Bubenreuthern lagen weit zurück. In den vierziger Jahren waren vier Bubenreuther, August Schiller — er war zunächst in Halle Fuchsmajor und wurde dann Bubenreuther Sprecher — Wilhelm Großmann, Ludwig Held und Friedrich Michahelles, beim Pflug aktiv geworden und hatten dort eine führende Rolle gespielt. Später, als der Pflug dem Schwarzburgbund und dann dem Süddeutschen Kartell beitrat, haben sich die Wege getrennt.

Erlanger Verband: Im Jahre 1910 ist Arminia-Jena nach einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Pflug aus dem Roten Verband ausgetreten. Obwohl die Arminen nicht frei von Schuld waren, glaubten die Bubenreuther die oft bewährte Treue zu Jena halten zu müssen und traten ebenfalls aus. Schließlich folgten auch die Bonner Alemannen und der Rest löste sich auf. So war der Rote Verband durch einen recht unbedeutenden Anlaß zersprengt worden und jeder der Beteiligten bedauerte es.

Das Band war damit nicht völlig zerrissen, im Gegenteil, auf den folgenden Burschentagen soll die Zusammenarbeit unter den Vertretern der fünf Burschenschaften besonders gut gewesen sein. Aber die Bubenreuther wollten sich auf dieses zufällige Einvernehmen, das der nächste Zwischenfall vollends zerstören konnte, nicht verlassen; sie riefen im Januar 1911 die Bonner und Jenaer Vertreter nochmals nach Erlangen und bemühten sich, den alten Bund wieder aufzubauen. Hier wurde man sich auch über die Grundsätze des neuen Bundes, der den Namen „Erlanger Verband“ tragen sollte, bald einig. Aber wenige Tage später zogen die Bonner, von einigen Philistern dazu bewogen, ihre Zustimmung wieder zurück. Es kam zunächst nur zu einem Roten Kartell zwischen Erlangen und Jena. Doch rechnete man von Anfang an mit einer Erweiterung dieses Kartells, wenn auch ein paar Jahre lang alle Bemühungen umsonst blieben.

Neugründung 1914: Am entschiedensten hat sich Otto Bezzel auf dem Burschentag von 1913 für die Versöhnung eingesetzt; aber er handelte ohne Auftrag und sein eigener Bund ließ ihn fallen. Auch Christian Roth, der bei den Philistern des Roten Verbandes für den Plan warb und damit einen guten Schritt vorwärts kam, hatte noch nicht den endgültigen Erfolg. Erst das Bubenreuther Jubiläum 1913 half die letzten Schwierigkeiten überbrücken. Damals waren allein 13 Bonner Alemannen, 13 Jenaer Arminen und 9 Brunsvigen als Gäste in Bubenreuth; der vertraute freundschaftliche Verkehr während der Festtage hat die Verhandlungen sehr erleichtert. Dazu machte Walter Flex seinen Einfluß bei den Bubenreuthern geltend und sein Bruder Martin warb bei seinen Bonner Alemannen. Man beschloß in Erlangen, den alten Bund zu erneuern. Und endlich, am 18. Juli 1914, kurz vor Ausbruch des Krieges, ist der Rote Verband in seinem früheren Umfang wieder erstanden; auf dem Bubenreutherhaus unter dem Vorsitz des Sprechers Karl von Pieverling fand die Neugründung statt. Sie hat nun allen Stürmen standgehalten bis in die jüngste Vergangenheit.

Freundschaftsbund: Erst jetzt sahen sich die Bubenreuther am Ziel: aus einem Interessenverband in der Art einer burschenschaftlichen Partei war eine enge Gemeinschaft geworden. Es war kein Kartell wie das Süddeutsche Kartell, das gleichsam eine einzige Burschenschaft auf verschiedenen Hochschulen sein wollte. Aber es war ein Freundschaftsbund, in dem jeder den anderen achtete, ihm vertraute und ihn gerade um seiner Eigenart willen schätzte. Die Früchte dieser Arbeit sollten sich in der Nachkriegszeit zeigen.

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