Die Kämpfe um die Burschenschaft im Winter 1817/18
Aus: Ernst Höhne, Die Bubenreuther – Geschichte einer deutschen Burschenschaft, Erlangen 1936
Berichte vom Wartburgfest: Zwölf [Erlanger] Teutonen hatten an dem großen Fest der deutschen Jugend teilgenommen; noch wichtiger aber scheint es gewesen zu sein, daß drei andere Erlanger Studenten auf der Wartburg waren: der Frankensenior
Andreas Merklein,
Johann Leupoldt, der Konsenior der Landsmannschaft der Bayreuther, und der Frankenrenonce
Friedrich Mehmel [„Renoncen“ sind Landsmannschaftsmitglieder zweiten Grades]. Die Studenten, die Herbst 1817 aus den Ferien zurückkehrten, hatten zwar größtenteils schon durch mündlichen oder schriftlichen Bericht von der Wartburgfeier gehört, aber die drei, die nach den Festtagen vor ihre Landsmannschaften traten, konnten am wirksamsten berichten. Sie waren im alten Geist aufgewachsen und mußten jetzt um so überzeugender von dem neuen predigen: von deutscher Freiheit, Ehre, Bruderschaft, von deutscher Burschenschaft, von Hingabe und Glauben an des Reiches Einheit. Oken hatte auf der Wartburg das treffende Wort gesprochen: Es gibt nur eine Landsmannschaft, die deutsche.
Zugeständnisse: Als die Renoncen diese Ideen aufgriffen und ihre ersten Forderungen stellten, war der S.C. [die Versammlung der drei Erlanger Landsmannschaften] nicht mehr unerbittlich. Aber die Landsmannschafter gedachten nur in kleinen Summen zurückzuzahlen. Sie ahnten nicht, daß eine neue Zeit gekommen war. Leupoldt warb bei den Bayreuthern, Merklein bei den Franken; und an
Georg Lochner, dem ehemaligen Frankensenior, gewannen die fortschrittlich Gesinnten einen überzeugten Freund der burschenschaftlichen Sache.
Ende des „Saufzwangs“: Am 7. November wurde von den Landsmannschaften das erste Stück der Tradition aufgegeben: der alte Saufzwang, der die Renoncen so sehr bedrückt hatte, wurde gemildert. Bald darauf geschah der nächste Schritt: auf Veranlassung von Lochner und Leupoldt wurde der geheimnisvolle Comment [das landsmannschaftliche Regelwerk] den Renoncen ausgehändigt. Ja, der S.C. forderte sogar zu Revisionsvorschlägen auf.
Georg Lochner: Jetzt erst wurden sich die Renoncen ihrer Macht bewußt. Sie stellten neue Forderungen, vorerst nur mit dem Verlangen nach Sitz und Stimme im Seniorenkonvent, aber schon mit der Drohung, daß sie sich eidlich versichert hätten, nicht mehr davon abzugehen. Die Landsleute baten um Bedenkzeit bis 1. Dezember. Der denkwürdige Tag kam heran, die drei Renoncenschaften versammelten sich und warteten. Stunde um Stunde verrann. Neue Deputationen der Renoncen mahnten, warnten und drohten. Lochner hatte sich zu den Revolutionären geschlagen, der erste aus den Reihen der Landsmannschaft selbst. Einst eines ihrer einflußreichsten Mitglieder, war er am Tag vor dem 1. Dezember aus seiner Landsmannschaft ausgetreten und wurde nun von den Renoncen stürmisch begrüßt. Er sollte der Führer in eine neugestaltete Zukunft werden, war er doch der lebende Beweis dafür, daß die Zeit der Landsmannschaften vorbei war.
Revolution: Auf seine große Wohnung, die Wastlburg, lud er schließlich die gesamte Renoncenschaft, die bereits zum äußersten entschlossen war. Endlich um 9 Uhr kam die Antwort des S.C. Unter stürmischem Tumult wurde sie verlesen. Die Landsmannschaften hatten einige scheinbare Zugeständnisse gemacht, in Wirklichkeit sollte alles beim alten bleiben. Jetzt mußte die Entscheidung fallen. Der Ansbacher Renonce
Wilhelm Barnickel trat vor und fragte die versammelten Renoncen, ob sie ferner noch verhandeln wollten. Entschiedenes „Nein“ antwortete ihm. Und nun sprach er das erlösende Wort: Trennung von den Landsmannschaften und Errichtung einer allgemeinen Burschenschaft. Laut und feierlich antworteten alle: „Ja, es soll Eine Burschenschaft sein.“ Das Werk war geschehen. (...)
Auf dem Wels: Noch in der gleichen Nacht zogen die 120 Burschen, beinahe zwei Drittel der Studentenschaft, von der Wastlburg auf den Wels und begingen dort bei feierlichem Kommers die Gründung der Burschenschaft. Trinkprüche, Vivats, begeisterte Worte bis tief in die Nacht hinein.
Revolution in der Studentenschaft! Das jahrhundertealte Feudalregiment war gebrochen. Die Masse der Studentenschaft konnte frei und ledig jeder Bindung daran gehen, sich neue Gesetze zu geben. Keine andere Rücksicht brauchte dabei zu walten als die eine: Was dünkt dem deutschen Burschen recht und gut? Tagelang brodelte und gärte es in Erlangen. Von den Professoren wurden die Vorlesungen für die nächste Zeit geschlossen.
Fieberhafte Arbeit: Die Burschen hatten das Geschichtliche des Augenblicks erkannt und wandten alle Kräfte auf das neue Werk. Tag für Tag fanden Versammlungen statt. Ein Fünfzehnerausschuß leitete die Arbeiten. Am 5.12. kapitulierte der S.C. Die Landsmannschaften lösten sich auf, ihre Mitglieder baten einzeln um Aufnahme in die Burschenschaft. Leupoldt war die treibende Kraft und hatte in tagelangem Werben die Auflösung durchgesetzt. Am gleichen Tag führte
Friedrich Ackermann seine Teutonen der Burschenschaft zu; zwei Tage später, am 7.12., erklärten sie die Teutonia für aufgelöst. Die gesamte Studentenschaft war in diesem denkwürdigen und einzigartigen Augenblick in der Burschenschaft zusammengeschlossen. Fieberhaft wurde an der Fertigstellung einer Verfassung gearbeitet. Noch im Lauf des Dezembers konnte man sie vorlegen.
„Verschlagenste Gegner“: Da wurden zum erstenmal die Widerstände der alten Landsmannschafter deutlich. Man protestierte, man verzögerte den Abschluß, es zeigte sich, daß nicht bei allen Landsleuten der Übertritt aus ehrlicher Absicht entsprungen war. Wohl waren tüchtige Leute dabei: Leupoldt, Merklein und
Christian Balbach gehörten bald mit zu den Führern der Burschenschaft. Die anderen bereuten bereits nach wenigen Tagen ihren Schritt. In den Weihnachtsferien, als die meisten Studenten Erlangen verlassen hatten, warben sie in ihren Heimatstädten und gewannen einen ganzen Kreis von Abtrünnigen.
August Wirth, der ursprünglich sogar im Fünfzehnerausschuß mitgewirkt hatte, wurde bald einer der gefährlichsten und verschlagensten Gegner der Burschenschaft. Aber Leupoldt und Merklein sammelten in Erlangen die Treuen und Lochner und Georg Puchta wirkten in Nürnberg mit feurigstem Eifer.
Lochner rettet die Lage: Am 8.1.1818, als die meisten Burschen wieder in Erlangen waren, sollte zum zweitenmal die Entscheidung fallen. Allgemeine Burschenversammlung: die Verfassung wird vorgelegt, Barnickel fordert auf zu unterzeichnen. Da bringt der Führer der reaktionären Gegenpartei, der ehemalige Ansbacher
Ludwig Stadelmann, die Gegenvorschläge: Bildet wieder drei Korps, die Anhänger der neuen Ordnung sollen ein viertes errichten! Das Ganze nenne sich Allgemeine Erlanger Burschenschaft. Es will sich bereits ein Wortgefecht entwickeln. Da rettet Lochner die Lage mit einem Gewaltakt. Er erhebt sich, verliest die Verfassung, unterzeichnet als erster und drückt dem nächsten die Feder in die Hand. 135 Burschen unterzeichnen, die Abtrünnigen werden zur Türe hinausgedrängt. Das Werk ist gerettet.
Links:
– Wartburg-Heimkehrer gründen… (Zeitstr. 1817)
>> weiterlesen
– Einleitung zur Verfassung von 1818
>> herunterladen (pdf)